Das Deutsche Glockenmuseum trauert um Jörg Poettgen

Jörg Poettgen (1939 – 2014)

Poettgen

Jörg Poettgen †

Jörg Poettgen wurde am 12. Juli 1939 in Düsseldorf geboren. Nach der Grundschulzeit in Düsseldorf-Oberkassel besuchte er ab 1950 das Altsprachliche Comenius-Gymnasiums in Düsseldorf-Oberkassel, an dem er sein Abitur ablegte. Von 1959 bis 1965 studierte Poettgen Philosophie und Katholische Theologie an den Universitäten zu Bonn, München und Köln, wo er das Studium 1965 mit dem Theologischen Examen abschloß. In den Jahren von 1965 bis 1974 folgte die praktische Tätigkeit in der Seelsorge in Leverkusen und Köln. 1974 verließ Jörg Poettgen den Kirchendienst. Nach Eheschließung mit der Lehrerin Else Barbara Müller aus Leverkusen, mit der er zwei Töchter hat, absolvierte er in Köln ein Zweitstudium in Pädagogik, Mathematik und Musik für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Im Anschluß an eine Lehrtätigkeit im Schuldienst bis 1978 wirkte er von diesem Jahr an bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1999 in der Erwachsenenbildung, und zwar als Hauptamtlicher Abteilungsleiter an der Volkshochschule Overath-Rösrath.

Die dortige thematisch und fachlich breit angelegte Arbeit brachte auch über den Bergischen Geschichtsverein e.V., Abteilung Overath, den (wissenschaftlichen) Kontakt zur der spätmittelalterlichen Glockengießerfamilie „von Ouerraide“. Von Poettgen in diesem Zusammenhang aufgeworfene Fragen an die Annahmen zum angeblichen Standort der historischen Gießerei dieser Familie führten seit 1982 unter der Anleitung von Prof. Dr. Kurt Köster/Frankfurt am Main zu glockenkundlichen Studien, über die er 1985/86 gelegentlich der von Archivoberrat Dr. Konrad Bund 1986 für das Stadtarchiv Frankfurt am Main in der Frankfurter Paulskirche ausgerichteten Ausstellung „Stimme der Stadt – Glocken und Glockenguß in Geschichte und Gegenwart“ in Verbindung mit dem Deutschen Glockenmuseum kam, in dessen Wissenschaftlichen Beirat er auf Empfehlung Kösters 1986 berufen wurde und dem er bis zu seinem Tod als besonders aktives und kreatives Mitglied angehört hat. Es ergab sich ganz selbstverständlich, daß er 1988 nach Kösters unerwartetem Tod als Mitherausgeber des damals neugegründeten Jahrbuchs für Glockenkunde tätig wurde. Dieser Aufgabe hat er sich überaus engagiert gewidmet. Seit 1993 war er in verschiedenen Funktionen Vorstandsmitglied des Deutschen Glockenmuseums (auf Burg Greifenstein) e. V.

Wie sehr Jörg Poettgen die wissenschaftliche Diskussion unter Campanologen vorangetrieben hat, zeigt schon allein ein kurzer Blick auf seine zahlreichen Rezensionen glockenkundlicher Veröffentlichungen Dritter. Ebenso war er Mitinitiator und -veran­stalter, aber auch regelmäßiger „Beiträger“ des Kolloquiums zur Glockenkunde am Deutschen Glockenmuseum. Mit seinen vorrangigen Themen „Glockengießer“, „Glockeninschriften“ und „Pilgerzeichen“ erwarb er sich ein hohes Ansehen, was regelmäßig zu Einladungen zur Beteiligung an campanologischen Forschungsunternehmen und Veröffentlichungen führte. Als Beispiel seien hier seine Mitarbeit seit 1991 am Allgemeinen Künstlerlexikon des Verlags K. G. Saur in Leipzig und 1993 die Einladung zur Herausgabe einer Glockenkarte für den Geschichtlichen Atlas der Rheinlande: „Glocken der Spätgotik – Werkstätten von 1380 bis 1550“ genannt. Als profunder Kenner der Materie und aus dem vollen schöpfend, verfaßte er den historischen Begleittext zu der 2009 im Rahmen des Jubiläums des Aachener Domgeläutes aufgelegten Audio-CD. Sein opus magnum veröffentlichte Jörg Poettgen im Jahre 2005 mit der umfassenden Monographie 700 Jahre Glockenguß in Köln – Meister und Werkstätten zwischen 1100 und 1800 als Band 61 der Reihe Arbeitshefte der Rheinischen Denkmalpflege.

Nachdem er im Vorjahr seine Frau Barbara hatte beerdigen müssen, starb Jörg Poettgen, der, wenn auch durch eine schwere Erkrankung bereits körperlich geschwächt, noch aktiv am 22. Kolloquium zur Glockenkunde in Bamberg hatte teilnehmen können, dennoch überraschend am 27. Oktober 2014.

Mit seinem Tode verliert die Glockenwelt einen großen und schöpferischen Campanologen. Das Deutsche Glockenmuseum verliert in Jörg Poettgen einen geistigen Träger, der seit 1986 die wissenschaftliche Arbeit des Museums in Rat und Tat ganz entscheidend mitgeprägt hat und dessen ausgleichende und zugleich entschiedene Haltung die Arbeit im Herausgeberkollegium und die Entscheidungen im Vorstand und noch in der letzten Jahreshauptversammlung beeinflußt hat. Als sein Hauptverdienst bleibt aber, daß es durch seine Initiative möglich geworden ist, das durch Dritte in seiner Existenz und wissenschaftlichen Freiheit bedrohte Deutsche Glockenmuseum von Greifenstein nach Gescher zu verlegen, wo sein Fortbestand gesichert werden konnte. Wir aber vermissen einen Mitstreiter und Verteidiger nach außen, einen Vermittler nach innen, einen Anreger und Förderer, einen Kollegen, ein Vorbild und einen Freund.

Prof. Dr. Rüdiger Pfeiffer-Rupp
(Erster Vorsitzender des
Deutschen Glocken-museums e. V.)
Dr. Konrad Bund
(Ehrenvorsitzender und Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Glockenmuseums e. V.)
Jan Hendrik Stens, Dipl.-Theol., M.A.
(Stv. Vorsitzender des Deutschen Glocken-museums e. V.)