Glocken zwischen Opernbühne und Friedensglocke

Kolloquiumsteilnehmer während des Vortrags von Klaus Hammer

Am Sonntag ist in Gescher das 33. Kolloquium zur Glockenkunde zu Ende gegangen. Drei Tage lang trafen sich mehrere Dutzend Glockensachverständige, Glockengießer, Wissenschaftler und Glockenfreunde aus vier europäischen Ländern in der Glockenstadt, um sich über neue Forschungsergebnisse, historische Glockenbestände, technische Fragen und aktuelle Projekte auszutauschen.

In diesem Jahr wurde ein weiterer Band des Jahrbuchs für Glockenkunde vorgestellt. Auf insgesamt 400 Seiten sind aus der Feder vieler Autoren wissenschaftliche Beiträge, Miszellen, Berichte und Nachrichten aus der Glockenwelt veröffentlicht. Das Deckblatt ziert eine Abbildung der erst jüngst nach Magdeburg gelieferten großen Credamus, der zweitgrößten Bronzeglocke Deutschlands.

Glocken auf der Opernbühne

Den Auftakt machte am Freitagabend ein öffentlicher Vortrag von Dr. Nepomuk Riva. Unter dem Titel „Zwischen Macht, Moral und Liebe. Die Sprache der Glocken in der Oper“ nahm er die Glocke ausnahmsweise nicht als reales Instrument, sondern als Bestandteil weltlicher musikalischer und dramatischer Inszenierung in den Blick.

Nepomuk Riva hält den Abendvortrag über die Glocke in der Oper

Obwohl in sehr vielen Opern Glockenklänge eine nicht unwesentliche Bedeutung haben, gebe es kaum musikwissenschaftliche Untersuchungen darüber. Eine Erkenntnis des Referenten war, dass der gewalttätige Aspekt der Glocke in der Oper bei weitem den christlichen oder moralischen Aspekt überwiegt. Aber auch für Liebe und Erotik sei die Glocke ein Symbol, was Riva anhand der Oper „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart eindrucksvoll unter Beweis stellte. Der Abend zeigte damit bereits, wie weit das Spektrum der Glockenkunde reicht: Die Beschäftigung mit Glocken endet keineswegs beim Kirchturm.

Nach Vortrag und Diskussion bot sich im Großen Ratssaal Gelegenheit zur Begegnung und zum Gespräch.

Von der Eisenbahn bis nach Brasilien

Am Samstagmorgen begann das eigentliche Kolloquium, zu dessen Beginn wieder Clemens Kösters vom Verein zur Förderung des Glockenmuseums der Stadt Gescher ein Grußwort sprach. Rudolf H. Röttinger widmete sich zunächst den Glocken bei den Eisenbahnen Deutschlands und der Schweiz. Unter dem Titel „Warnen – Gliedern – Rufen“ zeigte er, in welchen Zusammenhängen Glocken im Eisenbahnwesen eingesetzt wurden und welche Funktionen sie dort erfüllten. Dabei stand vor allem die Wirkung von Signalen im Vordergrund, die aber gleichwohl unterschieden werden mussten.

Anschließend berichtete Martin Groß über den aktuellen Stand des Sanierungsprojekts der Glocken des Magdeburger Domes, dessen größte Glocke im vergangenen Jahr von der Gießerei Grassmayr gefertigt und unter großem medialen Interesse nach Magdeburg transportiert worden war. Jana Bělová stellte die Rekonstruktion der ältesten Prager Glocke, einem Instrument der Benediktiner von Břevnov aus dem Jahr 1313, vor. Die Glocke war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs durch Beschuss schwer beschädigt und unter Anwendung des 3D-Druckverfahrens rekonstruiert worden. Hendrik Hopfenblatt führte die Teilnehmer anschließend nach Nordfriesland und berichtete über den Glockenguss in Husum vom 16. bis zum 18. Jahrhundert mit einem weit verzweigten Geflecht aus verschiedenen Gießerfamilien.

Technische Daten der Vox Patris

Besonders weit führte der letzte Vortrag des Vormittags: Grzegorz Klyszcz und Marceli Tureczek beschäftigten sich mit der Vox Patris in Brasilien. Von der Formgebung über die Wahl der Gusstechnologie bis zur Montage reichten ihre Ausführungen. Auch die Ursachen des Fehlschlags, die daraus gewonnenen Erkenntnisse und die logistischen Herausforderungen des Projekts kamen zur Sprache. Auch die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine sorgten dafür, dass sich das Mammutprojekt über insgesamt 14 Jahre erstreckte.

Auf Exkursion nach Borghorst und Burgsteinfurt

Nach dem Mittagessen verließ die Tagung das Rathaus. Die traditionelle Exkursion führte in diesem Jahr bei bestem Herbstwetter nach Borghorst und Burgsteinfurt.

Vor Ort standen die dortigen Glockenbestände und Geläute im Mittelpunkt. In Borghorst beeindruckte die große neugotische St. Nikomedes-Kirche, in deren Turm das Geläut des Vorgängerbaus vollständig übernommen worden ist und die größte Glocke des Münsterischen Gießers Johann Schweys aus dem Jahr 1741 enthält. Von den vier Glocken der Großen reformierten Kirche in Burgsteinfurt sind zwei historisch und verleihen dem Gesamtgeläut seine besondere Farbigkeit. Die große Glocke von 1668 ist ein Werk des lothringischen Gießers Joseph Michelin, deren Guss nach seinem Tod im Auftrag der Witwe durchgeführt worden ist.

In der Glockenstube der Großen Kirche in Burgsteinfurt

Wie bereits in den vergangenen Jahren bot die Exkursion damit die Gelegenheit, das zuvor Gehörte unmittelbar an den Instrumenten zu überprüfen und miteinander über deren Geschichte, Technik und Klang ins Gespräch zu kommen. Nach einer Andacht in der Burgsteinfurter Kirche klang der Samstagabend in der Gescherer Gastronomie aus.

Glockengeschichte aus den Niederlanden, Köln und Bamberg

Am Sonntagmorgen wurde das Fachprogramm im Rathaus fortgesetzt. Leander Schoormans stellte unter dem Titel „In omnem terram exivit sonus eorum“ die Vorkriegsglocken der niederländischen Gießerei Petit & Fritsen vor und betrachtete sie unter den Gesichtspunkten von Geschichte, Kunst und Klang. Dabei stellte der Referent u. a. heraus, dass die ersten gekröpften Joche in den Niederlanden ab 1856 auftauchen und sich an US-amerikanischen Vorbildern orientieren. Vor allem war es Schoormans ein Anliegen, den Wert von Glocken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts neu schätzen zu lernen.

Christoph Schmitt gab anschließend einen Arbeitsbericht über die unter seiner Leitung durchgeführten Instandhaltungsarbeiten im Glockenmuseum Laucha und in der ehemaligen Glockengießerei Gebr. Ulrich. Die Einrichtung war in der Vergangenheit mangels Pflege in die Jahre gekommen. Schmitt hatte das Museum innerhalb von drei Tagen unter Volleinsatz und mit Unterstützung seines Sohnes wieder instandgesetzt.

Max Klöcker führte die Teilnehmer anschließend 150 Jahre zurück nach Köln. Sein Vortrag „Die Stumme zu Köln – Klöppeldesaster und Klangprobleme“ widmete sich der Kaiserglocke, der Vorgängerin der Petersglocke im Kölner Dom. Die Kaiserglocke entsprach trotz dreimaligen Gusses klanglich nicht den Erwartungen und konnte nicht befriedigend zum gleichmäßigen Läuten gebracht werden.

Auch aktuelle Projekte standen am Sonntagvormittag auf dem Programm. Klaus Hammer berichtete über den Stand der Brandschutzmaßnahmen im Glockenmuseum Stiftskirche Herrenberg und die geplante Aufhängung der Glocke Maxima f° als künftige Friedensglocke. Die Glocke war als Erstguss für die Basilika in Echternach von der Gießerei Mark in Brockscheid erworben worden und stand jahrelang vor der Herrenberger Stiftskirche. Am Tag vor Hammers Vortrag wurde sie erstmals öffentlich geläutet. Ein dazu dokumentiertes Video wurde anschließend den Kolloquiumsteilnehmern vorgespielt.

Claus Peter stellte die Glockengeschichte der ehemaligen Klosterkirche St. Michael in Bamberg vor. 2025 wurden sechs neue Glocken geweiht und ergänzen den wertvollen Altbestand. Damit besitzt die frühere Benediktinerklosterkirche mit nunmehr insgesamt elf Glocken nach mehr als 400 Jahren wieder ein vollständiges Geläut.

Den Abschluss des Vortragsprogramms bildete Andreas Philipp mit einem Bericht aus der Arbeit des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen als Vorsitzender dieses Gremiums. Beratungsausschuss und Deutsches Glockenmuseum wollen in Zukunft ihre Kooperation intensivieren.

Drei Tage im Zeichen der Glocke

In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, wie vielfältig die Glockenkunde inzwischen aufgestellt ist. Historische Quellenforschung steht neben Fragen von Restaurierung und Denkmalpflege, technische Untersuchungen neben Klangforschung und aktuellen Glockenprojekten.

Ausstellung über die Glocken der Danziger Werft

Begleitet wurde die Tagung von einer Ausstellung über den Glockenguss der Danziger Werft im Foyer des Rathauses, die die polnischen Kolloquiumsteilnehmer mitgebracht hatten. Im Jahr 1926 hatte die Danziger Werft ihre Produktion neben dem Schiffbau auch auf den Guss von Kirchenglocken ausgedehnt. Außerdem hatte Christoph Schmitt eine Glocke des Gießers Ioiris aus dem 15. Jahrhundert mitgebracht, die während des Kolloquiums in der Mitte des Großen Ratssaals aufgestellt war.

Nach drei Tagen intensiven Austauschs endete das 33. Kolloquium zur Glockenkunde mit großer Zufriedenheit aller Beteiligter. Das nächste Kolloquium wird vom 30. September bis zum 3. Oktober 2027 im niederländischen Asten stattfinden. Das Deutsche Glockenmuseum folgt damit einer Einladung des dortigen Klok & Peel-Museums anlässlich des 500. Todestages des berühmten niederländischen Glockengießers Geert van Wou.